Über den Deutschen Buchpreis Roman 2025
"Die Holländerinnen" von Dorothee Elmiger
Stell dir vor, 20 Menschen lesen den “Roman des Jahres”, d.h. den Roman, der 2025 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat, Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger; und diese Menschen treffen sich im Anschluss zum Gedankenaustausch darüber - so geschehen beim Literaturkreis Stralsund im November. Du glaubst es nicht! Es ist, als hätten sie alle unterschiedliche Bücher gelesen. Oder wie ist es sonst zu erklären, dass ein Mensch sagt, er habe sich noch nie so gelangweilt wie bei diesem Buch, während ein anderer von einem faszinierenden Buch schwärmt, in das sie hineingezogen wurde.
Spannend, oder? Schauen wir genauer hin.
Im Roman Die Holländerinnen passiert nicht viel. Wer plotgetriebene Romane bevorzugt, wird hier enttäuscht. Denn auf der Gegenwartsebene passiert nur so viel, als dass eine namenlose Schriftstellerin eine Poetikvorlesung hält und uns erstens an ihrer (Schreib-)Krise teilhaben lässt und zweitens über ihre Erinnerungen an eine Reise mit einer Theatergruppe referiert, die sich auf die Spuren zweier verschwundener Holländerinnen in den südamerikanischen Urwald begeben hat.
Das heißt, dieser Roman ist so gut wie in indirekter Rede geschrieben. Das kann abschrecken. Oder auch nicht. Ich fand es spannend und habe mich auf das Experiment eingelassen und irgendwie hat mich die Erzählerin gepackt und immer stärker in die Geschichten hineingezogen. GeschichtEN, weil es nicht nur um die Spurensuche der 2014 real verschwundenen Holländerinnen geht; ein Großteil ihrer Erinnerungen bezieht sich auf Geschichten, die sich die Gruppe um den namenlosen Theatermacher gegenseitig im Dschungel erzählt hat - unschöne, teils gruselige Geschichten. (Wie verlässlich die Erinnerungen der Schriftstellerin sind, ist ungewiss, was zur gesamten Unsicherheit des Themas beiträgt.)
“(...) dieses Erzählen, das hätten sie alle gewusst, habe sie vorläufig vor der tobenden, der heftig atmenden Nacht bewahrt, vor der Dunkelheit, in der alles mit rasender Geschwindigkeit gesprossen und gewachsen, gestorben und verschwunden sei.”
Dieses Puzzle an Geschichten sowie die zahlreichen Verweise - wie u.a. auf Werner Herzog und sein bekanntes Filmprojekt Fitzcarraldo oder die Referenz auf Kafkas Bericht für eine Akademie - erweitern den Interpretationsradius und geben außerdem Anlass den Roman auf verschiedenen Ebenen zu lesen.
Wie habe ich den Roman gelesen?
Aus meiner Sicht ist der Roman eine Reflektion darüber, wie Sprache/Literatur das Unfassbare zu fassen bekommen kann. Es ist ein Umkreisen des Grausamen, eine Erfahrung der Finsternis, eine Erfahrung des Nichts.
“(...) Sie selbst habe es in den Wochen und Monaten, den Jahren danach unzureichend und unbeholfen als das ‘erratische, grundlose Wesen der Welt’, als ‘großen, leeren Gott’, das ‘klaftertiefe, abyssische Nichts’ zu beschreiben versucht, aber der Horror, der Horror liege naturgemäß außerhalb der Sprache (...)”
Wie ich mich jetzt nach dem Lesen und der tiefer gehenden Beschäftigung mit dem Roman fühle, drückt ziemlich genau das Werner Herzog Zitat aus, das dem Buch vorangestellt ist und mit dem ich meine Rezension schließen möchte:
“und ich, wie in der stanza eines Gedichts in einer fremden Sprache, die ich nicht verstehe, befinde mich zutiefst erschrocken dabei.”
(Werner Herzog: Eroberung des Nutzlosen)
Vielen Dank an den Hanser Verlag und netgalley für das eBook Rezensionsexemplar.

