Indiebookday: Ein literarisches Juwel von Hiddensee 💌
Warum wir die unvergessenen Stimmen aus Dulce Chacóns Roman heute besonders feiern sollten - und ein Buchtipp, der tief nachhallt.
Liebe Bücherfreundinnen und Bücherfreunde,
heute feiern wir den Indiebookday! Das ist der Tag im Jahr, an dem wir ganz bewusst die vielen kleinen, unabhängigen Verlage in den Mittelpunkt stellen, die mit unfassbar viel Herzblut, Mut und Leidenschaft die Buchwelt bereichern.
Für mich ist dieser Tag der perfekte Anlass, um euch von einem ganz besonderen Leseerlebnis zu erzählen, das mich und unseren Stralsunder Literaturkreis in den letzten Wochen tief bewegt hat – und das aus unserer direkten Nachbarschaft stammt.
Wir haben den Roman „Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte“ von Dulce Chacón gelesen, erschienen im wundervollen, unabhängigen Non-Profit-Verlag w_orten & meer, der seinen Sitz drüben auf Hiddensee hat.
Dass kleine Verlage so wichtig sind, beweist dieses Buch auf jeder einzelnen Seite. Es gibt nämlich Geschichten, die erzählt werden müssen, damit sie nicht für immer verschwinden. Wie dicht und atmosphärisch Dulce Chacón diese Notwendigkeit in Literatur verwandelt, spürt man direkt auf der ersten Seite. Der Roman beginnt mit diesem Absatz:
„Die Frau, die sterben würde, hieß Hortensia. Sie hatte dunkle Augen und sprach immer leise. Nur wenn sich ihr Mund mit Lachen füllte, entschlüpfte ihr ein »Ay madre mía de mi vida«, das sie noch nicht zu kontrollieren wusste und das sie immer wieder rief, während sie sich den Bauch hielt. Den Großteil des Tages brachte sie damit zu, in ein blaues Heft zu schreiben. Ihr langes Haar hatte sie zu einem Zopf geflochten, der ihr über den Rücken reichte. Sie war im achten Monat schwanger.”
Mit diesen Worten führt uns die Autorin direkt in das Madrid kurz nach dem Spanischen Bürgerkrieg, in die dunklen Anfangsjahre der Franco-Diktatur.
Wir begleiten die hochschwangere Hortensia und ihre tapferen Mitgefangenen – wie die unerschütterliche Tomasa, die fürsorgliche Reme und die sehr junge Elvira –, die gemeinsam im berüchtigten Frauengefängnis Ventas unter unmenschlichsten Bedingungen inhaftiert sind. Gleichzeitig bangen wir mit Hortensias Schwester Pepita, die draußen in Freiheit verzweifelt versucht zu helfen und aus reiner Schwesternliebe unfreiwillig immer tiefer in den Widerstand hineingezogen wird.
Wer einen Blick auf den Klappentext wirft, ahnt bereits, mit welcher Wucht diese Schicksale miteinander verwoben sind:
Es ist wahrlich keine leichte Kost. Aber was dieses Buch so unvergesslich macht, ist das kraftvolle Zeugnis von weiblicher Solidarität, tiefem Mut und unzerstörbarer Liebe – selbst über die dicksten Gefängnismauern hinweg.
„Lasst nicht zu, dass mein Name aus der Geschichte getilgt wird.“
Dieser Satz, den wir genau so in diesem Roman finden, ist keine Fiktion, sondern tief berührende historische Realität. Es war der letzte Satz, den die 19-jährige Julia Conesa in der Nacht vor ihrer Hinrichtung 1939 in einem Brief an ihre Mutter schrieb. Sie war eine der sogenannten „13 Rosen“ – realer junger Frauen, die genau in jenem Gefängnis saßen, in dem auch die Geschichte spielt.
Dulce Chacón hat jahrelang Zeitzeuginnen interviewt und all diesen Frauen, deren Geschichten durch den spanischen „Pakt des Vergessens“ so lange verschwiegen wurden, mit Figuren wie Hortensia, Tomasa und Elvira ihre Stimmen zurückgegeben. Sie hat Julias Bitte erfüllt: Ihre Namen sind nicht getilgt worden.
Dass wir dieses wichtige Werk in einer so feinfühligen deutschen Fassung lesen dürfen, verdanken wir der großartigen Übersetzerin Friederike Hofert sowie der engagierten Arbeit unserer Nachbarn von w_orten & meer auf Hiddensee. Da die Autorin Dulce Chacón leider bereits verstorben ist, war es übrigens auch Friederike Hofert, die stellvertretend für diesen Roman den renommierten Literaturpreis „Christine 2025“ der BücherFrauen entgegengenommen hat.

Mein Aufruf zum Indiebookday an euch: Lasst uns solche Projekte unterstützen! Schaut heute doch mal ganz bewusst nach Büchern aus kleinen, unabhängigen Verlagen. Wenn euch Was Hortensia nicht mehr erzählen konnte anspricht, bestellt es euch am besten direkt über die Verlagsseite oder eure lokale Lieblingsbuchhandlung. Es ist ein Buch, das nachhallt.
Habt ihr auch schon echte Lieblingsbücher aus Indie-Verlagen entdeckt? Oder feiert ihr den heutigen Tag vielleicht sogar mit einem gezielten Buchkauf? Lasst uns in den Kommentaren auf Steffis Literaturcafé darüber austauschen. Ich bin wahnsinnig gespannt auf eure Tipps!
Herzliche Grüße und einen wunderbaren Indiebookday,
eure Steffi 📚☕
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