Ein (Buch) Blind Date zum Valentinstag đ
... und warum ich dieses Buch erst mal umdrehen musste
Hallo liebe BĂŒcherfreunde,
der Valentinstag steht vor der TĂŒr. Normalerweise geht es jetzt ĂŒberall um Romantik, Rosen und Candle-Light-Dinner. Aber wie wĂ€re es dieses Jahr mal mit einem Blind Date der anderen Art? Einem Blind Date mit einem Buch?
Genau so ist mir mein aktuelles Lese-Highlight begegnet. Eine BĂŒcherfreundin drĂŒckte mir neulich einen Roman in die Hand mit den Worten: âLies das mal.â Ich kannte weder Titel noch Autorin.
Mein erster Impuls, als ich das Buch in der Hand hielt? Ich wollte es umdrehen.
Auf dem Cover von Wild Wuchern ist ein FrauenportrĂ€t abgebildet â aber es steht auf dem Kopf.
Instinktiv will man die Ordnung wiederherstellen, das Bild ârichtig herumâ drehen. Doch schnell wurde mir klar: Genau so muss es sein. Denn auch im Inneren dieses Romans steht die Welt Kopf.
Ich habe mich auf dieses Blind Date eingelassen. Hier ist meine Rezension zu einem Buch, das mich voll erwischt hat.
Wild Wuchern â oder: Vom Mut, aus dem Rahmen zu fallen
Um es gleich vorwegzunehmen: WOW. Dieser Roman ist körperlich. Er hat mich emotional voll mitgenommen und eine solche Sogwirkung entfaltet, dass ich das Buch kaum weglegen konnte. Katharina Köllers Wild Wuchern ist kein sanftes Buch, es ist ein Buch mit einer echten Wucht.
Das Szenario: Eine Flucht ins Ungewisse
Die Geschichte beginnt fast wie ein Krimi, atemlos und mysteriös. Wir begleiten die Ich-ErzĂ€hlerin Marie, die in einer wahren Nacht-und-Nebel-Aktion aus Wien flieht. Es ist sofort spĂŒrbar, dass etwas Schlimmes vorgefallen sein muss - ein Vorfall, der ihr keine Wahl mehr lieĂ und sie aus ihrer toxischen Ehe katapultiert hat.
âSpĂŒren tu ich gar nichts, und ob ich blute oder nicht, ist mir auch wurscht. Ganz sicher blut ich jedenfalls am Kopf unter dem Stirnband.â
Anstatt wie sonst die vertraute Route nach Italien ans Meer zu nehmen, entscheidet sie sich impulsiv gegen den SĂŒden und fĂŒr die raue Abgeschiedenheit Tirols - wohl auch, weil man sie am Meer zuerst suchen wĂŒrde. Es ist ein reiner Verzweiflungsakt: Sie sucht Zuflucht bei ihrer Cousine Johanna auf einer alten AlmhĂŒtte, obwohl der Kontakt zur Familie seit Jahren komplett abgebrochen ist. Marie bricht ins Blaue auf, ohne ĂŒberhaupt zu wissen, ob Johanna dort oben noch lebt.
Ein Kammerspiel der Ablehnung
Dort angekommen, entfaltet sich ein intensives Kammerspiel, ein KrĂ€ftemessen zwischen den beiden. Denn Marie wird nicht mit offenen Armen empfangen; Johanna will sie eigentlich nicht da haben. Zwar sind ihr die zwei zusĂ€tzlichen HĂ€nde fĂŒr die harte Arbeit auf der Alm zunĂ€chst willkommen, doch schnell drĂ€ngt sie darauf, dass Marie wieder geht.
Der Grund dafĂŒr ist so eigenwillig wie berĂŒhrend: Johanna pflegt intensive Beziehungen zu den wilden Tieren um sie herum. Doch seit Marie da ist, trauen sich viele Tiere - wie der Kauz - nicht mehr her. Maries Anwesenheit stört die feine Verbindung zur Natur, was in dem bezeichnenden, fast paradoxen Satz Johannas gipfelt:
âSeit du da bist, bin ich einsam.â
Stil: Ein Sog aus Gedanken
ErzĂ€hlt wird das Ganze konsequent als Bewusstseinsstrom aus Maries Perspektive. Das macht den Text unglaublich unmittelbar. Nichts wird brav âauserzĂ€hltâ oder kĂŒnstlich erklĂ€rt; stattdessen ist man direkt im Kopf der Protagonistin, in ihren Ăngsten und Beobachtungen gefangen. Dieser Stil erzeugt eine enorme Dichte und lĂ€sst einen die Zerrissenheit Maries hautnah spĂŒren.
Die Figuren: Goldmarie und Pechmarie
Im Zentrum stehen die beiden Frauen, die als Töchter von Zwillingsschwestern quasi selbst wie Geschwister aufgewachsen sind, sich aber in völlig gegensĂ€tzliche Richtungen entwickelt haben. Da ist zum einen Marie, die aus ihrem âgoldenen KĂ€figâ ausbricht. Jahrelang war sie die Angepasste, die âGoldmarieâ, die stets alle Erwartungen erfĂŒllen wollte - bis hin zur totalen Selbstaufgabe. Ihr gegenĂŒber steht Johanna, die einen schweren Start ins Leben hatte. Sie wirkt anfangs schroff und fĂŒhrt ein sehr hartes, körperliches Leben auf der Alm, zeigt sich aber im Umgang mit ihren Tieren als zutiefst empathisch.
Vom ZiergewÀchs zum Wildwuchs
Der Roman lĂ€sst sich nicht nur als Familiengeschichte lesen, sondern funktioniert auch als Parabel. Das titelgebende âWildwerdenâ oder âWuchernâ wird zur zentralen Metapher fĂŒr Selbstbefreiung. Marie bringt es in einem SchlĂŒsselsatz des Buches auf den Punkt:
âIch war dort, wo man mich hingepflanzt hat, wie ein ZiergewĂ€chs in einem Topf. Jetzt bin ich hier und wuchere.â
Diese Erkenntnis ist der Kern des Buches: Das âWuchernâ steht hier nicht fĂŒr Zerstörung, sondern fĂŒr das Sprengen von kĂŒnstlichen Grenzen â dem sprichwortlichen Blumentopf â, um endlich den eigenen Raum einzunehmen.
Die befreiende Kraft der Wahrheit
Am stĂ€rksten ist das Buch dort, wo die Mauern zwischen den Frauen fallen. Beide machen im Laufe der Geschichte eine enorme Wandlung durch. Gegen Ende erzĂ€hlen sie sich gegenseitig ihre tiefsten Geheimnisse - Dinge, ĂŒber die sie nie gesprochen haben. Dieser Moment, in dem sie sich endlich die Wahrheit sagen, wirkt unglaublich befreiend fĂŒr beide. Es ist der Schritt, der die Wunden aus der Kindheit und die HĂ€rte des Erwachsenenlebens aufbricht.
Fazit
Wild Wuchern ist eine Geschichte ĂŒber innere Heilung und ĂŒber das, was passiert, wenn Kinder in Schablonen gepresst werden, statt wachsen zu dĂŒrfen. Es zeigt modellhaft den Ausbruch aus gesellschaftlichen ZwĂ€ngen und weiblichen Opferrollen. Am Ende dieses Romans möchte man die beiden Frauen einfach nur in den Arm nehmen. Eine absolute Leseempfehlung fĂŒr alle, die Literatur mögen, die unter die Haut geht.
Mein Wort zum Valentinstag:
Manchmal muss man Dinge (oder BĂŒcher) erst auf den Kopf stellen, um sie wirklich zu sehen. Dieses Blind Date hat sich fĂŒr mich mehr als gelohnt. Es ist keine Liebesgeschichte im klassischen Sinn. Vielmehr ist es eine Geschichte ĂŒber die heilsame Kraft des Angenommenseins. DarĂŒber, wie wichtig es ist, einen Menschen zu finden, der einen genau so annimmt, wie man ist â wild, unperfekt und wahrhaftig.
Habt ihr auch schon mal ein Buch gelesen, ohne vorher zu wissen, worum es geht? ErzĂ€hlt mir gerne von euren âBook Blind Datesâ!
Herzlichst,
Eure



Ach, da wuchert mir das Herz schon beim Lesen. Danke fĂŒr den Tipp!
Den kommerziell vermarkteten Valentinstag mag ich gar nicht, aber Blinddates mit einem Buch finde ich ganz wunderbar. Ich finde es noch immer sehr bereichernd, auĂerhalb der eigenen Komfortzone zu lesen oder sich auf BĂŒcher einzulassen, die man selbst vielleicht nicht wĂ€hlen wĂŒrde. Vielen Dank fĂŒr diese Rezension.